Meine lettischen und estnischen Wurzeln

Mein Urgroßvater Johann Leetsmann wurde 1856 als Sohn eines Esten, der auf dem Gut eine deutschen Adligen arbeitete, geboren. Seine Vorfahren waren erst nach 1800 aus der Leibeigenschaft entlassen worden. Gefördert vom Gutsbesitzer, besuchte Johann die Kreisschule (Höhere Schule) und später die Lehrerbildungsanstalt. Als Lehrer gehörte er zu den "Literaten" und wurde von der deutschen Oberschicht als einer der ihren anerkannt. Von dann ab galt er als Deutscher (Baltendeutscher) und änderte seinen Namen in Letzmann. Das Gebiet der heutigen Staaten Estland, Lettland und Litauen gehörte damals zum russischen Zarenreich, so dass Johann, genau wie alle anderen Einwohner, bis 1918 russischer Staatsbürger war.

Meine Urgroßmutter Marie wurde, ebenfalls 1856, als Tochter eines lettischen Bauern geboren. Auch dessen Vorfahren waren früher Leibeigene gewesen, hatten sich im Laufe der Zeit hochgearbeitet, so dass ihr Vater einen eigenen Bauernhof besaß und sich Großbauer nannte. Um aus Marie eine "gute Partie" zu machen, die Chancen auf die Heirat mit einem Mann aus der deutschen Oberschicht hat, ließ er sie privat Deutsch lernen, ebenso das Benehmen in "besseren Kreisen".

Das hat sich ausgezahlt, denn mein Urgroßvater Johann nahm sie zur Frau. Durch die Heirat mit einem Deutschen gehörte sie ebenfalls zur deutschen Oberschicht und konnte sich als "Deutsche" bezeichnen. Bis 1918 war ihre Staatsbürgerschaft natürlich russisch, danach lettisch. Johann hat sich ohne Wenn und Aber als Deutscher gefühlt, seine Frau Marie fühlte sich bis zum Tode immer noch sehr den Letten verbunden. Zusammen hatten Johann und Marie acht Kinder, eines davon war mein Großvater Witold, geboren 1890. Witold war 50% estnischen und 50% lettischen Ursprungs, seine Tochter, meine Mutter, noch je 25%. Ich habe also 12,5% estnische und 12,5% lettische Wurzeln.

Leider spreche ich weder lettisch 🇱🇻 noch estnisch 🇪🇪.