Elfriede R. ( 58) aus Hessen:

17. Mai 2003. "So gut ist es mir schon lange nicht mehr gegangen", sagte ich nach einem besonders schönen Waldspaziergang in einem Kurort in Rheinland-Pfalz. Dort hatte ich mich ein paar Tage lang von großem Stress erholt. Abends fühlte ich hinten in der rechten Kniekehle sowas wie eine Zecke. Der Kurarzt entfernte sie am nächsten Morgen mit der Bemerkung, ich solle darauf achten, ob die Stelle rot werde. Das war alles. Kein Wort davon, was passieren könnte.

Gut eine Woche später ging ich wieder zur Arbeit. In meinem Betriebsbereich war grade alles umorganisiert worden. Ich saß an einem ganz anderen Schreibtisch und fühlte mich völlig abgeschlagen und daneben. Merkwürdig frierend und sehr niedergedrückt fuhr ich nach Hause. Da ahnte ich noch nicht, dass dies mein letzter Arbeitstag in meiner Firma sein gewesen sein würde, wo ich fast 25 Jahre lang beschäftigt war. Mein Missempfinden schob ich auf die Umstellung. Allerdings bekommt man davon kein Fieber. Ich hatte aber einen Schüttelfrost wie noch nie und wurde wegen "Sommergrippe" krankgeschrieben.

Das Fieber verschwand, die Erschöpfung blieb und wurde in den nächsten Wochen immer schlimmer. Ich kam einfach nicht wieder in die Gänge. Ein komischer Husten stellte sich ein, manchmal sah ich auch nicht richtig. Oft war mir übel. Na, dachte ich, alles psychosomatisch. Dass etwas ganz und gar nicht stimmte, kam mir zu Bewusstsein, als mir eines Tages ein Stück Papier auf den Boden fiel. Statt mich normal reflexartig zu bücken, stand ich einfach da und starrte das Papier an. Ich fühlte mich wie "ausgeschaltet".

Ende Juni. Allmählich wurde man in der Firma ungeduldig. Der Betriebsarzt empfahl, bei meiner Krankenkasse eine Kur zu beantragen. Also wieder zur Hausärztin. Bei einer weiteren Untersuchung fragte ich sie ein bisschen verschämt, was ich da für komische rote Flecken am Fuß hätte. "O je", meinte sie ,"sind Sie von einer Zecke gebissen worden? Das sieht sehr nach Borreliose aus. Jetzt gibt's Antibiotika, auch wenn Sie das nicht gerne mögen. Anders geht es jetzt nicht." Zu Hause angekommen, las ich mit Entsetzen im Internet, was Borreliose ist. Da wurde mir klar, wieso ich so schwitzte und zitterte und was da alles noch hätte kommen können. Aber mit dem Antibiotikum Doxicyclin würde mir das ja erspart bleiben. Dankbar schenkte ich der Hausärztin einen Rosenstrauß. Leider war das ein bisschen voreilig.

Der Besuch beim Krankenkassen-Gutachter war ein Albtraum. Totale Erschöpfung und Borreliose interessierten ihn nicht. Er sah mich überhaupt nicht an und sprach lauter Sachen in sein Diktiergerät, die ich so nicht gesagt hatte. Auf meinen Einspruch achtete er nicht und unterstellte mir, dass ich nicht die Wahrheit sagte. Am Schluss maß er noch meine Größe, mein Gewicht und meinen Blutdruck. Der war bei 180/220. Sei wohl ein bisschen hoch, meinte er. Allerdings. Ich hatte mich auch ordentlich aufgeregt.

Die DAK lehnte den Kurantrag ab. Zuständig sei die BfA (Bundesversicherungsanstalt für Angestellte). Also Antrag an die BfA. Inzwischen hatten mich die Borrelien voll im Griff. Formulare waren auch vorher nicht mein Hobby gewesen, jetzt konnte ich sie überhaupt nicht mehr verstehen. Lauter Nebel hatte ich im Kopf. Müde ohne Ende schlief ich manchmal 16 Stunden lang nach Nächten voller grauslicher Horrorträume. Die Antibiotika waren auch nicht grade der Muntermacher. Der Sommer 2003 war sehr heiß, aber die größte Hitze hätte mir nicht so riesige Schweißtropfen aus dem Gesicht treiben können. Ich saß vor dem Spiegel und staunte, wie das Wasser floß. Mir schien fast, ich liefe aus. Mitsamt Gehirn. Immer vergesslicher wurde ich, zittriger und wackliger. Wie Alzheimer und Parkinson gleichzeitig. Wieder eine Anfrage von meiner Firma. Wie denn nun? Neuen Antrag auf Kur gestellt? Ja, hatte ich. Sogar noch selbst Kurkliniken herausgesucht, die auf Borreliose spezialisiert sind. Meine Ärztin kriegte das nicht gebacken.

Nach Wochen des Wartens im August die Antwort: Keine Kur. Antrag sei nicht ausreichend begründet. Im Text stand tatsächlich zweimal buchstäblich Boweliose, mit w. Ein Tippfehler war das mit Sicherheit nicht. Meine Hausärztin hatte nämlich in ihrer handschriftlichen Begründung ein kleines r so geschrieben, dass es wie ein v aussah. Zwei kleine r machen damit ein w. Und das hatte der Ablehner schön abgepinselt. Er wusste anscheinend nicht, dass es Borreliose überhaupt gibt. War das ein medizinischer Gutachter? Meine Firma wurde ungeduldiger, ich solle doch bitte beim Betriebsarzt vorbeikommen. Das war nun nicht mehr so einfach. Inzwischen traute ich mich nicht mehr, selbst Auto zu fahren. Ich war schon zu Fuß im Straßenverkehr nicht mehr zurechnungsfähig. Mitten auf der Straße wusste ich oft nicht, ob die Fußgängerampel nun rot oder grün gewesen war, als ich loslief. Eine Freundin, die mit Borrelien schon länger Bekanntschaft gemacht hatte, sagte zu mir: "Setz dich bloß nicht ins Auto. Du weißt nicht, wo du hinfährst". Sie hatte in der Küche die interessante Erfahrung gemacht, dass sie nicht mehr wusste, wie Kartoffeln kochen geht. Symptom ist vermutlich ähnlich gelagert wie die Sache mit dem heruntergefallenen Papier. Selbstverständliche, ewig eingeschliffene Alltagshandlungen sind plötzlich weg. Stromausfall im Hirn wie bei Sturm- oder Schneeschaden an den großen Hochspannungsleitungen. Zappenduster.

Gemeinsam mit dem Betriebsarzt legte ich Widerspruch gegen den BfA-Bescheid ein. Wieder warten. Im November musste ich zu einem Gutachter, aus unerfindlichen Gründen ein Lungenfacharzt. Der hatte in seiner Praxis ganz viele schöne Apparate. Mit denen wurde ich dann mehrere Stunden lang untersucht. Einen großen Allergietest gab es auch noch, obwohl ich nicht die Spur einer Allergie hatte. Auf meine Frage, ob ich auch auf Borrelien getestet werde, sagte der Arzt, nein. Das müsse der Hausarzt machen. Für die BfA sei das zu teuer. Ich war sprachlos. Der Mann hat mit seiner Geräte-Gutachterei vermutlich mehr verdient, als ein seriöser Borrelientest gekostet hätte.

Meine Hausärztin hatte übrigens eine Blutuntersuchung machen lassen, gleich zu Beginn der Antibiotikum-Behandlung. Ergebnis: keine Borrelien nachweisbar. Später las ich in Büchern, dass solche Tests eine überaus komplizierte Angelegenheit seien. Wie es auch ganz einfach geht - nämlich kinesiologisch - lernte ich später.

Diesmal ließ sich die BfA mit der endgültigen Ablehnung der Kur bis Mitte Januar Zeit. Manches aus diesen Monaten kriege ich überhaupt nicht mehr zusammen. Die Antibiotika waren nach sechs Wochen abgesetzt worden. Dafür waren nun die Pilze da, innen und außen. Ich fühlte mich immer schlapper. Das Schwitzen hatte aufgehört. Neu waren die Herzschmerzen. Dauernd dachte ich, gleich kommt der Herzinfarkt. In mehreren EKGs war aber alles bestens. Mit meinen Bewegungen hatte ich auch Probleme. Ich stolperte leicht und stieß mich überall. Je dunkler die Jahreszeit wurde, desto mehr verfiel ich in völlige Apathie. Die kleinste Handlung war unendlich mühsam. Und das ewige Warten zermürbte mich regelrecht. Als ob ich aus der Welt gefallen sei.

Die Firma drängelte. Diesmal nun mir einer richtig amtlichen Vorladung gemäß Paragraph X zur Feststellung der Arbeitsunfähigkeit. Die DAK kündigte an, sie werde mir kein Krankengeld mehr zahlen. Da kam zur Verzweiflung auch noch eine richtige Existenzangst hinzu. Mein Betriebsarzt einigte sich mit der Hausärztin, jetzt müsse eine neue Diagnose her. Im Februar 2004 wurde ich mit der Diagnose "schwere Depression" in eine Nervenklinik eingewiesen. Da durfte ich an Gesprächskreisen und Beschäftigungstherapien teilnehmen. Na ja, ein bisschen Reden und Basteln hat nicht geschadet, und ich kam wieder unter Menschen. Borrelien waren den Nervenärzten offenbar eher unbekannte Wesen. Nach sechs Wochen Antibiotika könne ich gar keine mehr haben und im übrigen sei das zur Zeit grade eine "Modekrankheit". Diesem Doktor hab ich innerlich einen ganzen Eimer Zecken an den Hals gewünscht. Meine schlimmen Hüftschmerzen konnten sie nur als psychosomatisch erklären, auf den Röntgenbildern sei nichts zu sehen.

Nach mehreren Wochen musste ich einen Intelligenztest machen. Alles okay, bloß einige Bildergeschichten hatte ich nicht in die richtige Reihenfolge gebracht, Kopfrechnen war an einigen Stellen schwach, und beim Konzentrationstest hätte ich besser sein können. Man steckte meinen Kopf in einen Computertomographen. Diagnose: Verdacht auf vaskuläre Encephalopathie. Meine Psychologin erklärte mir, damit könne ich in Rente gehen. Ich dachte, sie macht einen Scherz. Es war aber ihr vollster Ernst. Da stellte ich mal wieder einen Antrag an die BfA, überstand noch einen weiteren Gutachter. Im Juni 2004 war ich plötzlich ohne weitere amtliche Komplikationen Rentnerin - und die Borrelien waren immer noch da. Und nun? Als vorher begeisterte Teamarbeiterin fiel ich jetzt erst recht in ein Loch. Eine "Rehabilitationsmaßnahme" war nicht mehr in Sicht. Die kam dann doch, aber von einer ganz anderen Seite, als ich es mir hätte vorstellen können.

Immerhin konnte ich inzwischen wieder Auto fahren und meinen alten Vater in Ostfriesland besuchen. September, Wespenzeit. Innerhalb einer Woche wurde ich zweimal von Wespen gestochen. Quasi heimlich hatten sie sich mir genähert. Eine saß im Hosenbein auf meinem Knie und eine unter dem Sitz des Küchenstuhls, als ich ihn an den Tisch ziehen wollte. Beim zweiten Stich - in den rechten Mittelfinger - schwoll mein "Zeckenknie" blitzartig an. Ein großer dunkelblauer Punkt bildete sich und ich bekam ein sehr beklemmendes Gefühl. Mein Vater sagte, damit müsse ich zum Arzt. Allein von diesem Wort konnte ich schon Allergien kriegen . Solche Art Medizin wollte ich mir nicht noch mal antun.

Glücklicherweise hatte ich von Frau Fust gehört und glücklicherweise bekam ich sofort einen Termin. Sie verordnete Globuli gegen Wolhynisches Fieber und Zeckenbissfieber. Testete mich auch auf Borrelien . Und siehe da: Es war, wie ich vermutet hatte und keiner zugeben wollte - die Spiralchen ließen es sich weiter in mir gut gehen. Frau Fust rückte mit einer Borrelienspritze an (Nosoden), um sie mir in die Armvene zu geben. Sofort war keine Armvene mehr zu sehen. Da bekam ich meine erste Lektion über die "Intelligenz" der Borrelien. "Die merken sofort, wenn es ihnen an den Kragen geht und machen dicht", erklärte die Heilpraktikerin. Da ich mich schon lange mit feinen Schwingungen auf angeblich nicht messbaren Ebenen beschäftigt hatte, erschien mir das sofort plausibel. Die Spritze bekam ich dann in die Pobacke.

Mir wurde ganz duselig im Kopf. Die noch folgende Fußmassage, kriegte ich gar nicht mehr richtig mit. Nur einen Satz von Frau Fust habe ich noch in Erinnerung. "Mein Röntgenblick sagt mir, dass Sie Schmerzen in der rechten Hüfte haben. Machen wir jetzt mal weg." Klappte. Die sind bis heute in der Art nicht wiedergekommen.

Diese erste Sitzung mit Diagnose, Behandlung und sogar noch Heilerfolg dauerte 30 Minuten und kostete 40 . Was für ein Preis-Leistungs-Verhältnis! Meine DAK konnte diese horrenden Kosten für eine Heilpraktikerin nicht bezahlen. Das dürfe sie gesetzlich nicht, wurde mir mitgeteilt. Was die DAK in dem vergangenen Schreckensjahr gesetzlich für mich ausgegeben hatte, Krankengeld plus sieben Wochen Nervenklinik, weiß ich bis heute nicht. Da kann sich der gesunde Menschenverstand schon wundern. Tucholsky forderte: "Macht unsere Bücher billiger". Im Prinzip müsste das mit der Medizin eigentlich auch gehen...

Ich wunderte mich weiter. Positiv wie negativ. Mag sein, dass die Borrelien nun gar nicht gerne ihrer Gegnerin begegneten. Ich traf Frau Fust im Supermarkt und erkannte sie nicht. Mehrere Behandlungstermine verpasste ich. Einfach die Wochentage oder die Stunden durcheinander gebracht. Ich fand das furchtbar peinlich, was war ich doch früher immer präzise und pünktlich gewesen. Es reißt ein böses Loch ins Selbstbewusstsein, wenn man gesellschaftlich unzuverlässig wird. Zum Totschämen. Nach ein paar weiteren Borrelienspritzen , Fußmassagen und Encephalitis-Globuli lichtete sich der Nebel im Hirn. Die Sonne kam wieder durch. Ich wusste gar nicht mehr, wie es einem geht, wenn es besser geht. Nachbarn sagten mir, dass ich nun auch wieder besser ginge. Mit größeren Schritten. Nicht mehr, als ob ich 80 sei.

Frischen Mutes kehrte ich in meine hessische Großstadt zurück. Im Gepäck eine Diagnose von Frau Fust für meine Hausärztin über Borreliose, drittes Stadium, und der Empfehlung, Borrelienspritzen zu geben. Ich bestellte die in meiner Apotheke. Da waren sie nicht zu erhalten , trotz Firmenadresse. Aus Weener bekam ich sie dann. Neue Überraschung: Die Hausärztin sah sich nicht in der Lage, mir die Spritze zu geben. Sie habe keine Erfahrung damit und wisse nicht, was Schlimmes passieren könnte. Gar nichts werde passieren, sagte ich. Nutze nix. Sie war zu ängstlich. Zum Glück hatte ich eine Ohrenärztin, die mutiger war. Ihr sei an dieser Stelle Dank gesagt.

Wieder einigermaßen funktionsfähig, konnte ich von da an öfter nach Weener reisen und weiter behandeln lassen. Richtig spannend war das. Langsam wurde ich vertraut mit verschiedenen Homöopathie-Potenzen von Borrelia . Die allerbeste war LM 45. Endlich keine Herzschmerzen mehr. Was für ein tolles Gefühl, ohne Angst durchatmen können. Und Encephalitis C30. Das Händezittern hörte auf. Als ob nichts gewesen sei, gelang es mir wieder, den feinsten Faden in die feinste Nadel zu schieben. Da hätte ich ein Fest feiern können.

Frau Fust hatte noch eine Überraschung parat. Sie gab mir eine Flasche mit Kügelchen in die Hand. Nach drei Atemzügen bekam ich keine Luft mehr. Keuchte, das Gehirn wurde leer. Ich bekam Sibyllinum-Globuli (Syphilis). Das hat mich wirklich vorübergehend umgehauen. Wie in Trance lag ich mehrere Stunden auf dem Heilpraktiker-Sofa. Zu Hause setze ich mich im Garten in die Sonne, da kamen auf einmal die roten Borrelienkreise am Bein und am Fuß kurz wieder zum Vorschein. Frau Fust erklärte dies als positive Reaktion, da jetzt den Borrelien quasi die Andockstation an generationsalte Erbinformationen im Körper genommen würde.

Ganz langsam Stückchen für Stückchen ging es aufwärts, und meine Welt wurde wieder größer. Schlimm waren und sind noch Phasen einer völlig unbegründeten, abgrundtiefen Traurigkeit, doch die Zeitabstände werden immer größer. Steuern kann ich das zur Zeit nicht. Bin wie Wetter im April. Lache unter Tränen. Wenn ich noch ganz konsequent die letzten Potenzen nehme gegen die alten Restborrelien, werde ich in dieser Hinsicht ein runderneuerter Mensch sein. Und dankbar sagen: "So gut ist es mir schon lange nicht mehr gegangen."




Auszug aus dem Buch: Elfriede Fust, Zeckenbisse, Krankheitsbilder und Behandlungsmöglichkeiten